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Sonntag, 11. März 2012

Der Warnschussarrest - Ein pädagogisches Armutszeugnis der Bundesregierung

Vor kurzem traten die Generalsekretäre von CSU, CDU und FDP nach dem Koalitionstreffen zusammen vor die Kameras und verkündeten, einer nach dem anderen, was man in "kameradschaftlicher" Atmosphäre beschlossen habe. Anschließend werde man noch "ein Glas Wein trinken", so weiter. Das ganze Schauspiel wirkte ziemlich aufgesetzt, was natürlich den Spannungen in der Koalition geschuldet ist, was hier aber nicht näher thematisiert werden soll. Stattdessen will ich auf den Beschluss, worauf die Generalsekretäre so stolz waren, eingehen - den Warnschussarrest. Dieser beabsichtigt, Jugendliche, die schon mehrfach straffällig geworden sind oder eine Bewährungsstrafe erhalten haben, für kurze Zeit (bis zu 4 Wochen) hinter Gittern zu bringen. Die Intention, die dahintersteckt ist klar - Abschreckung. Den Freiheitsentzug leibhaftig zu spüren und was es heißt, gesiebte Luft zu atmen, soll Jugendliche davon abhalten, in Zukunft weitere Straftaten zu verüben. In der Theorie hört sich das alles ja schön und gut an, doch reflektiert man den Warnschussarrest genauer und schaut auf mögliche Folgen, auch indem man Theorien heranzieht, erkennt man schnell, dass unsere Regierung wohl ohne Konsultierung von Experten Gesetzte und Beschlüsse verabschiedet. Eine Theorie möchte ich hier kurz erwähnen. Es handelt sich um den labeling approach oder auch Etikettierungsansatz. Dieser besagt, dass abweichendes Verhalten nicht aus dem Individuum selbst kommt, sondern ein Produkt dessen ist, wie die Gesellschaft mit dem Individuum umgeht. Hierbei geht es um Zuschreibungen, sogenannte Etikette, die dem Individuum durch bestimmte Institutionen verpasst werden (wie z.B. das Etikett "Verbrecher"). Wird eine Person etikettiert hat dies Folgewirkungen, die im Folgenden an einem Beispiel verdeutlicht werden sollen. Bleiben wir beim Warnschussarrest. Ein Jugendlicher ist bereits mehrfach straffällig in Erscheinung getreten und wird nun zu vier Wochen Gefängnis (Warnschussarrest) verurteilt. Dies hat zur Konsequenz, dass er z.B. das Etikett (oder auch label) "Verbrecher" bekommt. Dieses wird ihm einerseits durch die Institution der Rechtssprechung, andererseits aber auch durch sein soziales Umfeld zugeschrieben. Sein Umfeld wird ihn dann auf eine andere Art und Weise wie bisher behandeln, nämlich so, wie man einen "Verbrecher" behandelt (z.B. mit Ausgrenzung). Der Jugendliche weiß selbst auch von seinem Etikett, welches er dadurch, dass er nun zusätzlich noch im Gefängnis sitzt, weiter internalisert. Wie bereits beschrieben, wird sein soziales Umfeld durch bestimmte Sanktionen den Jugendlichen z.B. ausgrenzen. Dies hat zur Folge, dass dieser nun Anerkennung in anderen Gruppen sucht und zwar in solchen, wo er mit seinem Etikett akzeptiert wird. Somit kann es passieren, dass der Jugendliche sich kriminellen Gruppen anschließt, er sich zukünftig mit seinem Etikett identifiziert und eine abweichende Karriere startet. Auch kann es geschehen, dass der kurzweilige Gefängnisaufenthalt  von der Gruppe als besonders "cool" angesehen wird, was nicht dazu beiträgt, dass der Jugendliche sein Verhalten ändern wird. Auch wenn die Perspektive des labeling approach eine sehr deterministische ist, macht sie doch deutlich, dass die Gesellschaft durch Etikettierungen maßgeblich dazu beiträgt, dass Jugendliche Straftäter z.B. durch gesetzliche Sanktionen eben nicht wieder straffrei werden, eher im Gegenteil. Es wird daher kaum etwas bringen, Jugendliche mit einem Kurzzeitarrest zu bestrafen. Außerdem setzt man sich mit der Person und deren Problemen, die eventuell zur Straftat führten, in keinster Weise auseinander. Man sperrt sie einfach kurz weg - der Rest wird dann schon werden, und bei weiteren Delikten bleibt es eben beim Knast. Das positive an dieser Vorgehensweise ist ihre Einfachheit, richtig ist sie allerdings nicht. Stattdessen müssen Angebote und Perspektiven geschaffen werden, es muss mit dem Jugendlichen gearbeitet werden. Nicht der Jugendliche selbst muss etikettiert werden, sondern nur sein Verhalten. Durch den Warnschussarrest wird nur ein sehr geringer Teil der Jugendlichen in Zukunft weniger straffällig werden. Denn was ist mit denen, die mit "Geil Alter, du warst im Knast!" in der Subgruppe begrüßt werden?